Großer Hagel, Überschwemmungen und Chaos in kurzer Zeit: Mit über 100 km/h Zuggeschwindigkeit zieht an diesem Sonntag eine Gewitterfront über den Nordwesten des Freistaats hinweg und hinterlässt im Eichsfeld und im LK Nordhausen schwere Schäden. Weitere Gewitter zogen am Abend über Süd- und Südostthüringen hinweg und verletzten mehrere Kinder.

Die aufziehende Gewitterfront bei Heiligenstadt (Bild: Jonas Lamprecht)

Zum zweiten Mal in diesem Jahr wurde Nordthüringen von schweren Gewittern mit Hagel, kräftigem Starkregen und orkanartigen Böen (Bft. 11) heimgesucht. Anders als im Mai waren weite Gebiete des Eichsfeld - Kreises sowie dem Kreis Nordhausen betroffen. Hagel mit Größen zwischen 3 und 5 cm Durchmesser hinterließ seine Spuren an Autos, Dächern und sogar Hausfassaden. Der ergiebige Starkregen überschwemmte Straßen, darunter auch die A38 bei Bleicherode/Werther.

Schlammlawinen von Feldern sorgten in zahlreichen Orten für vollgelaufene Keller und Geschäfte, Regenwasser drang in Tiefgaragen und Unterführungen ein. Bäume, Oberleitungs- und Telefonmasten stürzten im Sturm um. Das Unwetter zog über den Harz weiter nach Sachsen - Anhalt, wo es noch schlimmer zuschlagen sollte: Im Salzlandkreis wurde großer Hagel um 7 cm beobachtet, der ganze Hausfassaden zerstörte, Dachziegel durchschlug und leider auch eine Frau tötete. Die A14 wurde mit Wasser- und Schlammmassen überschwemmt. Die festsitzenden Autofahrer mussten mit Schlaubooten gerettet werden. Einen Tornado wurde außerdem bei Elsnigk gesichtet.

 

Wetterlage: Kein Ex-Hurrikan verantwortlich

Freitag, 09.09.2011: Die Wettermodelle simulierten auch an den Vortagen Anzeichen für eine Gewitterlage am Samstag bzw. Sonntag. Am 09. wiesen wir auf unserer Startseite sowie dem üblichen Thread zur Gewitterlage in unserem Forum auf die Möglichkeiten einer Gewitterlage hin. Am 10. hielten wir durchaus stärkere Entwicklungen nicht für unwahrscheinlich.

Am 2. Septemberwochenende lag Deutschland zwischen einer umfangreichen Hochdruckzone über Südosteuropa und einem Tief etwas nördliche der britischen Inseln. Dieses Tief, "Frank" mit Namen, war verantwortlich für die schweren Gewitter am Sonntag. Hinter ihm zog bereits das Tief "Ex-Katia" heran, dass, wie der Name schon sagt, der ehemalige Hurrikan "Katia" war, der über dem Atlantik zum Tiefdruckgebiet abgeschwächt Kurs auf Europa nahm. Das "Ex-Hurrikan-Tief" ist aber nicht verantwortlich für die Gewitterlage, wie am Tage nach den Unwettern teilweise falsch berichtet wurde!

 

Am Samstag, dem 10.09.2011, lag Thüringen im Einflussbereich der Warmfront von "Frank". Die erste Tageshälfte war geprägt von dichter Bewölkung und leichtem Regen. Erst am Nachmittag und Abend lockerte die Wolkendecke vermehrt auf und die Sonne zeigte sich. Die Zufuhr subtropischer Luftmassen hatte bereits eingesetzt, sodass die Tageshöchstwerte zwischen 20 und 27°C lagen. In der Nacht drang die Kaltfront bereits in die Nordwesthälfte Deutschlands ein und brachte dort erste Gewitter. Am frühen Morgen zog zudem eine kleine "Schauerstraße", begleitet von Blitz und Donner über die Landkreise Hildburghausen und den Ilm-Kreis. Dieses kurze Spektakel sollte für die Entwicklung am Tag aber ohne Bedeutung sein.

Die Parameter für eine Schwergewitterlage waren an diesem Sonntag mehr als gut:

- Die subtropische Luftmasse, die aus SSW nach Deutschland geführt wurde, ist hochreichend labil und feucht.

- Für die begünstigende Bildung von langlebigen Gewitterkomplexen oder Superzellen bedarf es zudem günstiger Windscherung. Dabei spricht man einmal von Richtungsscherung (der Wind weht in verschiedenen Höhen aus unterschiedlichen Richtungen) sowie Geschwindigkeitsscherung (der Wind weht mit zunehmender Höhe immer stärker). Beide Eigenschaften waren an diesem Tag gegeben. Die Auswertung des Ballonaufstiegs von Meiningen, 14 Uhr, zeigt eine Rechtsdrehung des Windes in den unteren Schichten sowie eine Zunahme der Windknoten mit der Höhe.

- Weitere Hebung brachte ein Trog in den oberen Luftschichten, auf dessen Vorderseite günstig die Kaltfront lag.

- Im Verlauf (besonders für Sachsen-Anhalt ausschlaggebend) wurde die Kaltfront durch einen weiteren Faktor verstärkt: Vor der Front strömte die feucht-warme Luft (vielfach wurden zw. 26 und 30°C gemessen) mit ostnordöstlichen Winden direkt in die Front rein, während dahinter nur noch Werte zw. 15 und 22 Grad bei Nordwestwind registriert wurden.

 

04:55 h von Frankreich bis zum Eichsfeld

Links: Die blaue Linie mit Dreiecken markiert die Kaltfront, der rote Pfeil weißt auf die linienartigen starken Zellen in Frankreich hin. Das System verlagert sich gen Nordosten. Rechts: Um 14:00 Uhr ist die Front bereits bis ins westliche Hessen vorangekommen. Sehr wahrscheinlich konnte zu dieser Zeit abgeschätzt werden, dass die Front auch die nördlichen und westlichen Landesteile Thüringens bei Nordostzugbahn treffen würde. Der rote Kreis markiert ein Zellensystem in dieser Linie, dass sich im Verlauf weiter verstärken sollte (Quelle: WetterOnline).

Links: 15:00 Uhr verstärkt sich an der Front ein Multizellenkomplex (im roten Viereck zu erkennen), dass geradewegs auf Nordwestthüringen zusteuert. Rechts: Gegen 15:55 Uhr erreicht der Cluster mit einer Zuggeschwindigkeit von 106 km/h (!) die hessisch - thüringische Landesgrenze im Eichsfeld. Das Radarbild zeigte auf einer breiten Strecke, die fast den ganzen Eichsfeldkreis einnahm, sehr starke Echos. Aus dem benachbarten Hessen lagen zu dieser Zeit erste Meldungen über Hagelschlag, einer geschlossenen Hageldecke, Überflutungen und chaotischen Straßenverhältnissen vor (Quelle: WetterOnline).

 

Schwarze Front mit grünem Schimmer bringt Hagel, orkanartige Winde und Starkregen

Bäume knicken um, Stromleitungen werden herabgerissen. Der intensive Starkregen lässt binnen Minuten das Wasser ansteigen, kein Boden, kein Gulli, kein Straßengraben konnte so schnell das Wasser fassen. Von den Feldern machten sich Schlammlawinen auf den Weg hangabwärts. In Gernrode wurden laut Medienberichten sogar Baumstämme mitgerissen. Wie in der Ortschaft erwischte es zahlreiche benachbarte Gemeinden und auch die Städte Heiligenstadt, Leinefelde-Worbis sowie Nordhausen mit Überfltungen von Wohnhäusern, Gewerbegebieten und zahlreichen Straßen, darunter auch die A38 an mehreren Stellen. Es gab Stromausfälle in Lindewerra, Wahlhausen, Geisleden, Heuthen, Kreuzebra, Schwobfeld und Rüstungen. Der bis 5 cm im Durchmesser große Hagel beschädigt zahlreiche Autos, durchschlägt Dachfenster, lässt den Putz an Hausfassaden abbröckeln, entlaubte Bäume und sorgt für Ernteeinbußen bei Mais und Raps. Nicht zuletzt konnte der Hagel seine Kraft durch die starken Winde entfalten, durch die er nach unten "gefeuert" wird.

Eine gemessene Böe von 111 km/h in Heiligenstadt zeigt die enorme Kraft der Fallwinde in diesem Gewitterkomplex. Verdeutlich wird das durch ein umgestürztes Wohnmobil auf der A38, das von einer Windböe erfasst wurde. Neben Bäumen und Strom- sowie Teleokommunikationsmasten wehten die Gewitterböen in Nordhausen elektrische Werbetafeln von den Hausfassaden, trafen umstürzende Bäume parkende Autos.

Schäden im Eichsfeld:

Heiligenstadt: Überflutungen im Zentrum während des Stadtfestes der Möhrenkönige, vollgelaufene Keller, Straßen, Grundstücke. Hagelschäden an etlichen Fahrzeugen, Dächern, entlaubte Bäume.

Worbis: Überflutungen in der Industriestraße (das Wasser steht bis zu 50cm hoh). Im Autohaus Müller und Motorrad Trapp stehen die Verkaufsräume unter Wasser. Ähnlich erwischte es die Bahnhofstraße und Hinter dem Kloster. Die Anschlussstelle  Leinefelde/Worbis war voll mit Dreck. Die AUtobahn stand zudem an mehreren Abschnitten unter Wasser.

Beuren: Leine und Rohrbach traten über die Ufer und überfluteten Häuser. Zahlreiche Keller liefen voll mit Wasser und Schlamm. Die Bahnunterführung war nicht mehr passierbar.

Gernrode: Eine Schlammlawine fließt durch den Ort und reist sogar Baumstämme mit. Viele Keller und Grundstücke werden überschwemmt. Die Hauptkreuzung im Ort ist kaum befahrbar. Die Wipper trat über die Ufer und setzte Teile der Seebothsmühle unter Wasser.

Breitenbach: Beschädigte Dächer durch Hagel, vollgelaufene Keller.

Kefferhausen: Hausfassaden wurden durch Hagel beschädigt.

Großbodungen: REWE - Markt überschwemmt.

Schäden im LK Nordhausen:

- mehrere umgestürzte Bäume, teilweise auf Autos

- Straßenbahngleise wurden unterspült, Pflastersteine herausgerissen.

- elektronische Werbetafeln wurden oder drohten heruntergerissen zu werden. Ebenso zahlreiche Transparente

- auf der A38 kiptpe durch eine Windböe ein Wohnmobil um

- Tiefgaragen liefen mit Wasser und Schlamm voll (z.B. Kornmarkt)

- Unterführungen wurden zu Seen, bis zu einem halben Meter hoch stand das Wasser, 2 Autos versanken in der Erfurter Straße darin.

Bleicherode/Werther:

- A38 wird in diesem Bereich auf 600 m Länge überspült, Vollsperrung

- auf der Umleitungsstrecke wird ein PKW durch eine weitere Schlammlawine beschädigt

- Ein Wohnmobil wird von einer Windböe erfasst und umgeworfen.

 

Ausgewählte Messwerte:

Regenmengen (meist in kurzer Zeit gefallen) in l/m²: 38,0 Leinfelde, 25,8 Heringen, 22,8 Kalteneber, 21,2 Mönchpfiffel

Windböen in km/h: 111 Heiligenstadt, 76 Artern, 73 Nordhausen, 72 Eisenach (Datenquelle: DWD/TLL)

 

Hüpfburg fliegt weg, Stromausfälle im LK Greiz

Weitere Gewittercluster zogen am Abend und eingangs der Nacht über Teile Süd- und Ostthüringens hinweg. In Remda im Kreis Saalfeld-Rudolstadt wurde durch eine Böe eine Hüpfburg sowie ein großes Trampolin umgeworfen. Laut Zeitungsangaben wurden 4 Kinder leicht verletzt.  Im Landkreis Greiz fiel in einigen Ortschaften für über eine Stunde der Strom nach einem Blitzschlag aus. In Meuselwitz (Altenburger Land) fiel ein Baum auf eine Garage, in Schmölln knickte ein Telefonmast um.

Es ist fraglich, ob die Windböen, die in Remda (SLF) Hüpfburg und Trampolin umwarfen und 4 Kinder verletzten, im direkten Einfluss eines Gewitters standen oder durch eine Böenline des Nordthüringer Gewitterkomplexes ausgelöst wurden (Outflow Boundary).

Eine weitere meteorologische Analyse findet sich bei der Unwetterzentrale.

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